kannibalenzeit


Jack Unterweger ist die schillerndste Persönlichkeit der jüngeren österreichischen Kriminalgeschichte. 1974 wegen eines Frauenmordes zu lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt, begann er während der Haft zu schreiben. 1990 wurde er auf Bewährung entlassen — nicht zuletzt dank massiver Unterstützung namhafter Schriftsteller. Bereits ein Jahr später geriet er wieder ins Visier der österreichischen Polizei, die in für mehrere Frauenmorde verantwortlich machte.

Astrid Wagner berichtet über die folgenden drei Jahre, die mit Unterwegers neuerlicher Verurteilung und seinem darauf folgenden Selbstmord enden. Akribisch werden die Details dargestellt: Sowohl Polizei als auch Justiz stehen unter unerträglichem Erfolgsdruck, die Medien (er-)finden immer neue Aufhänger für Sex-and-Crime-Stories. Im Mittelpunkt steht aber die faszinierende Persönlichkeit Jack Unterwegers, die auch in diesem Buch kaum mehr vom medialen Zerrbild des pervers-genialen Egomanen getrennt werden kann.

Astrid Wagner will einerseits Zweifel an der Richtigkeit des Urteils wecken, andererseits aber auch Missstände des österreichischen Strafrechtswesens aufdecken. Ist es überhaupt möglich, dass der Staatsanwalt als Ankläger objektiv ist? Und wie überzeugend muss ein Beweis sein, um von einem Richter als erwiesen zu gelten?

 

So grundlegende Fragen lassen sich an einem derartig Aufsehen erregenden Prozess wohl nur schwer erörtern. Die Stärke von Jack Unterweger liegt aber sowieso in der atmosphärisch dichten Schilderung des Verfahrens. Die Leser können mitverfolgen, wie die sachliche Aufklärung von Verbrechen immer auch zum persönlichen Kampf aller beteiligten wird. Hannibal Lector in Echt und auf Österreichisch. –Volker Frey


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